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LP AD 10-15

S tellen wir uns ganz dumm. Eine Stil- ikone, was ist das überhaupt? Ein Mensch oder ein Ding? Der Duden sagt: beides. „1.Person, deren (Klei- dungs)stil von vielen als nachah- menswert empfunden wird, 2. Gegenstand, der als besonders charakteristisch für einen bestimmten Stil gilt und als erstrebenswert oder vorbildhaf empfunden wird.“ Also gut, machen wir einen Schnelltest, ohne lange zu grübeln. Fünf ikonische Designs. Das ist ein- fach. Der VW Käfer. Der iMac. Etore Sotsass’ „Carlton“-Regal. Die durchsichtige Swatch. Zum Schluss etwas Altes? Die legendären Oster- eier von Fabergé. Nun fünf Personen. Audrey Hepburn, in je- der Einstellung eines je- den ihrer Filme. Jetzt wird’s schon schwieriger, es kommen Einschrän- kungen hinzu.  Coco Chanel – zur Zeit ihrer Anfänge und viel später im Kostüm auf ihrem Sofa in der Rue Cambon. Karl Lagerfeld, seit er Slimane trägt. Ganz ähnlich und doch ge- nau das Gegenteil: Peter Marino in seiner Tom-of-Finland-Garderobe. Nina Hagen auf dem Cover ihrer ersten West-LP. Wir stellen fest, die Stilikone als Ding kann ein Massenprodukt sein, millionenfach verkauf, oder in streng limitierter Miniaufa- ge gefertigt. Sie kann unerschwinglich teuer sein oder günstig wie Apfel und Ei, überaus nützlich und rein dekorativ. Sie kann popu- lär sein, wie seinerzeit der Käfer, oder Be- rühmtheit erlangen, gerade weil sie polari- siert: Jeder Designinteressierte kennt das totemartige Sotsass-Regal und verbindet mit ihm die Ära der Postmoderne; längst nicht jeder würde es gerne besitzen. Das ikonische Produkt ist unerhört neu, nie nachgemacht. Es lässt etwas aufscheinen, das es zuvor nicht gab oder das so noch nicht wahrnehmbar war: den überborden- den, gleichsam auf Eigröße komprimierten Superluxus am Zarenhof, den spielerischen Un-Sinn des Antidesigns, die zur lustigen Käferplage sich ausweitende Mobilisierung des Individuums. Durch die Stilikone erle- ben wir, dass und wie die Welt sich verän- dert hat. Sie ist eine neue Währung, in der fortan gerechnet wird. Sie hat Prägekraf – selbst wenn sich bisweilen erst nach einiger Zeit dechifrieren lässt, was uns dieses Phä- nomen eigentlich genau sagen will. Ähnliches gilt für menschliche Stilikonen. Auf Nina Hagens Platencover von 1978 er- kennen wir eine hochprozentige Mischung aus Sensibilität und frontaler Schnoddrig- keit. Nach diesem Foto, nach dieser Musik war Deutschland ein anderes Land. Karl La- gerfelds Verwandlung zum Slimane-Model im Jahr 2000 machte deutlich, dass man sei- nen Körper auch konträr zur damaligen Mo- de anaboler Macho-Bodys „neu defnieren“ konnte. Der süfsante Witz seines hyper- schlanken Looks lag nebenbei darin, dass der Chanel-Chef die Kreationen seines jun- gen Dior-Konkurrenten feierte – und zwar ohne eigenen Ansehensverlust. Im Gegen- teil, über den Umweg Slimane wurde Lager- feld selbst endgültig zur Ikone. 15 Jahre später ist er immer noch rank und schlank wie junge Männer bis höchstens 27, während über Alters-Anorexie als Folge sei- nes Looks bislang nichts zu hören war. So viel zur Sog- und Vorbildwirkung von Stilikonen. Nicht jede von ihnen motiviert die Massen zur Nachahmung. Peter Marinos Business- Look als superviriler Lederkerl etwa schaf eine Distanz, die nicht jeder Mann – einerlei welcher Orientierung – auszuhalten imstan- de ist. Wie auch das Beispiel der bisweilen in grandiose Polsterstofe gewandeten briti- schen Dichterin und Exzentrikerin Edith Sit- well („Ich konnte unmöglich Tweed tragen!“) keineswegs dazu führte, dass resolut geleb- te Jungfernschaf in den Roaring Twenties plötzlich à la mode gewesen wäre. Eine Stilikone zu erschafen und erfolg- reich am Markt zu etablieren, ist nicht plan- bar, mögen noch so viele Versuche dazu unternommen werden. Mit reichlich Medien- getöse und ein wenig Fortune landen solche Anstrengungen heutzutage meist im Gegenla- ger der Stilikonen, bei den It-Girls – einem Zeitphänomen, bei dem der Objekt-Charak- ter gleich zum bestimmenden Präfx gewor- den ist und zu dem es seltsamerweise kein männliches Pendant gibt. Das It-Girl, mehr dem Verbrauch als der eigentlichen Kreation zugetan, hat ein unsichtbares Verfallsdatum und gerät nach Verstreichen dieser Frist schlicht in Vergessenheit. Über Lindsay Lohan etwa titelte Vanity Fair, nachdem ihre diver- sen Ego-Delikte sie schließlich vor den Richter brachten: „It-Girl turned jailbird“. Vom It-Girl zur Knastschwester, auch eine Karriere. Wobei uns gerade einfällt: Was macht ei- gentlich Martha Stewart heute? Nun, wie auch immer: Die Tycoonin, die den amerikani- schen Landhausstil von allen Schlacken der Verzopfheit befreite, die ihn quasi komplet entrümpelte, wird für diese Leistung stets einen Ehrenplatz im kollektiven Bewusstsein behalten. Die wahre Stilikone nämlich wird zur Figur der Geschichte, wenn der von ihr geprägte Look und die darin verborgene Hal- tung historisch geworden sind. Siouxsie Si- oux etwa wird auf ewig als Blaupause für das introvertierte Gothic-Girl gelten. Anders als bei Madonna würde aber auch niemand von ihr erwarten, alle fünf Jahre ein neues Role Model vom Band laufen zu lassen. Wie stets, wenn es um Phänomene der Mode und des Geschmacks geht, balanciert selbst eine Stilikone auf dem schmalen Grat zwischen einsamer stilistischer Innovation und der Gefahr, blindlings kopiert und am Ende verramscht zu werden. Die wunderba- re, vor Kurzem verstorbene Gabriele Woh- mann stellte in einer ihrer Kurzgeschichten die bange Frage: Was, wenn das Paradies auch nur Massengeschmack wäre? Eine infer- nalische Vorstellung! „Das ikonische Produkt ist unerhört neu, nie nachgemacht. Es lässt etwas aufscheinen, das es zuvor nicht gab.“ Von Audrey Hepburn bis zum VW Käfer: Stilikonen sind unter Produkten ebenso zu fnden wie unter Menschen. Gemeinsam haben sie das Moment der Unerhörtheit, des radikal Neuen, das die Dinge zu verändern vermag – und das Zeug hat, historisch zu werden. ESSAY

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