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LP Shokunin 2013

Liegt es am Umgang mit Computern, wurde der kürzlich verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in einem Interview einmal ­gefragt, dass sich Literatur und Journalismus in einem so erbärmlichen Zustand befinden? Reich-Ranickis Replik: „Die Menschen verklären die Vergangenheit gerne. Die Qualität der Texte ist heute viel besser!“ Verwundert ob dieser unerwarteten Antwort verwies der Fragesteller auf Günter Grass, einen ausgewiesenen Computerskeptiker. Wieder re- turnierte Reich-Ranicki schnarrend: „Nein, der Computer hat den Stil ganz entschieden verbessert. Und das kann ich Ihnen genau ­er­klären. Man schreibt einen Satz, stellt fest, dass eine Kleinigkeit noch besser sein könnte, und sofort kann man es verbessern. Also tut man es. Frü- her, mit der Schreibmaschine, tat man es nicht.“ So kann man das se- hen – und zwar dann, wenn man nicht gleich alles Neue und Uner- probte verdammt. Schon Goethe wusste: „Was nicht vorwärts ­gehen kann, schreitet zurück!“ Und auf den bärbeißigen Günter Grass kom- men wir später noch zurück … Die Frage nach dem Einfluss des Schreibprozesses auf sein Ergebnis ist so alt wie die Literatur selbst. Friedrich Nietzsche etwa stellte fest, nachdem er sich kurzzeitig an einer Schreibmaschine versucht hatte: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ In Cervantes „Don Quijote“, dem ersten Roman der Neuzeit, hat das „Schreibzeug“, in diesem Fall eine Feder, gar das letzte Wort: „Für mich allein ist Don Quijote geboren und ich für ihn; er wusste Taten zu vollbringen und ich sie zu schreiben. Wir beide allein sind bestimmt, zusammen ein Ganzes zu bilden.“ Das Feuilleton veränderte den Roman des 19. Jahrhunderts, weil die periodische Veröffentlichung plötzlich nach Cliffhangern verlangte, nach einer Fortsetzung. Die Fotografie schenkte Texten eine bildhafte Sprache, oder besser: Der Leser verlangte fortan danach. Nicht nur ­Literaten, sondern jeder, der im Büro Tag für Tag Dutzende E-Mails verfasst und wochenends versucht, einen Brief mit bloßer Hand zu schreiben, erlebt diesen Medienwandel am eigenen Leib: Tinte und Pa- pier kennen keine Backspace-Taste. Das muss allerdings keine schlech- te Nachricht sein. Vermutlich würde das auch der deutsche Autor Wolfgang Herrn- dorf – der mit „Tschick“ einen der großartigsten Romane der vergan- genen Jahre verfasst hat – genau so unterschreiben. Mehr als zwei Jah- re lang führte er im Internet unter dem Titel „Arbeit und Struktur“ ein Tagebuch, beschrieb seinen Kampf gegen einen Hirntumor, der ohne Aussicht war. Jeder Eintrag hätte der letzte sein können. „Tbc“ unter- schrieb er jeden einzelnen davon: to be continued. Mehr Hoffnung als Versprechen. Unmittelbarer können Literatur, Text, Content ihre Wir- Digitale Medien haben unser Schreib- und Leseverhalten verändert. Es wäre allerdings ein Fehler, das für den Untergang des Abendlandes zu halten. In Wahrheit ist es eine kreative Herausforderung für alle, die in Zukunft noch gehört werden wollen A.L. IN G.D.I Kupferstich von G. Doré aus La Divina Commedia von D. Alighieri, Inferno, Canto ii, V. 1–3, erschienen im Verlag Idea Libri, mit Genehmigung der Società Dantesca Italiana, Florenz 2007. Kupferstiche: Aylin Langreuter, Galerie Wittenbrink Text: Andreas Laux schnell&Kurz 70

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