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LP Shokunin 2013

178 DER PERUANISCHE NOBELPREISTRÄGER MARIO VARGAS LLOSA(77) ÜBER DAS RITUAL DES SCHREIBENS, SEINE NILPFERDSAMMLUNG UND DIE GEFAHR VON SOCIAL MEDIA INTERVIEW DR. SABINE HOFMANN, JOSÉ REDONDO-VEGA Wir haben lange überlegt, mit welcher Fra­ ge wir dieses Interview mit Ihnen beginnen. Warum nicht einfach mit dem Anfang: Wie finden Sie den ersten Satz für Ihre Romane? Einzelne Sätze sind unbedeutend. Wenn ich einen Artikel oder einen Essay schreibe, ist die Überschrift das Wichtigste. Sobald ich eine Headline habe, in der die Essenz meiner Ge­ danken festgehalten ist, fließt der eigentliche Text von allein. Denn das Herz, die Essenz, den Kerngedanken habe ich dann schon. Ist der erste Satz nicht wichtig? Ich fürchte, Sie überschätzen ihn ein wenig. Wichtiger ist die Flugbahn der Geschichte: Wie beginnt der Roman? Wie endet er? Von diesen Endpunkten aus kann ich ein Schema der Handlung entwickeln, und aus diesem Schema entwickle ich die einzelnen Kapitel. Wissen Sie immer schon, wie ein Roman ­endet, wenn Sie mit der Arbeit beginnen? Nein. Manchmal schreibe ich das Ende eines Romans ganz am Anfang, manchmal erst zum Schluss. Der Prozess ist niemals gleich. WeiseWorteFOTOS MATTHIAS ZIEGLER Wie fangen Sie an? Ich mache mir Notizen. Ich fange niemals an zu schreiben, bevor ich nicht eine Grundidee habe von dem, was ich sagen möchte. Dafür muss ich recherchieren, muss meine Ideen strukturieren. Wie behalten Sie den Überblick? Auch dafür brauche ich meine Notizen. Sie sind die Waffen, mit denen ich meine Un­ sicherheit bekämpfe. Denn die Unsicherheit ist mein größter Gegner. Woher rührt diese Unsicherheit? Manchmal kann ich mich einfach selbst nicht davon überzeugen, dass ich das Werk jemals zu Ende bringen werde. Der erste Entwurf ist oft quälend. Das Vergnügen setzt erst ein, wenn dieser erste Entwurf fertig ist. Dann weiß ich: Dieses Buch wird irgendwann ge­ druckt, es wird veröffentlicht. Wie überstehen Sie diese Entwurfsphase? Ich muss mich jeden Tag neu disziplinieren. Und das heißt: Ich muss mich permanent selbst überwachen. Das macht den Prozess des Schreibens manchmal schmerzhaft. Aber dieser Schmerz gehört dazu, und er macht be­ stimmt auch einen Teil des Reizes aus. Wie viele Stunden täglich schreiben Sie? Eigentlich den ganzen Tag. Nach dem Aufste­ hen gehen meine Frau und ich eine Stunde lang spazieren. Wir gehen jeden Tag dieselbe Strecke – abhängig davon, an welchem Ort wir uns gerade befinden. Danach lese ich Zeitung. Wann beginnen Sie zu schreiben? In der Regel um zehn Uhr. Nach dem Mittag­ essen lege ich mich für 20 Minuten hin. Die berühmte Siesta. Genau. Am Nachmittag ziehe ich dann um in eine Bibliothek oder ich setze mich in ein Café. Dort arbeite ich weiter bis 18 oder 19 Uhr. Können Sie denn überall schreiben? Ja, in Bibliotheken schreibe ich am liebsten. Und dann schreiben Sie bis in die Nacht? Nein, am Abend gehe ich ins Kino oder ins Theater. Oder ich lese zu Hause. Zwar schlafe ich nicht viel – fünf Stunden genügen –, aber es liegt mir nicht, im Dunkeln zu arbeiten.

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